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Was ist Contergan?

Was ist Contergan?
»Ein Augenblick voll natürlicher Harmonie läßt uns wünschen, dass die Sekunde sich dehne. Doch zumeist bleibt es Augenblick und flüchtiger Wunsch, denn die Unruhe, dem Geiste einst dienstbar, beherrscht uns und treibt uns umher. Ruhe und Schlaf zu fördern vermag Contergan. Dieses gefahrlose Medikament belastet den Leber-Stoffwechsel nicht, beeinflußt weder den Blutdruck noch den Kreislauf und wird auch von empfindlichen Patienten gut vertragen. Schlaf und Ruhe: Contergan, Contergan forte.«

»Contergan«-Reklame
In der Schwangerschaft und Stillperiode steht der weibliche Organismus unter großer Belastung. Schlaflosigkeit, Unruhe und Spannungen sind beständige Klagen. Die Gabe eines Sedativums- Hypnotikums, das weder Mutter noch Kind schädigt, ist oft notwendig. Ein Arzt hat vielen Patientinnen in seiner gynäkologischen Abteilung und in seiner geburtshilflichen Praxis Contergan und Contergan-forte gegeben.« Broschüre von Chemie Grünenthal, 1958 an 40000 Ärzte verschickt

Im Oktober 1957 kommt das Medikament "Contergan" in den Handel. Contergan forte, eine kleine Packung mit 30 Tabletten zu 3,90 DM versprach u.a. werdenden Müttern eine ruhige und angenehme Nacht. Die Folge: ca. 7000 schwer mißgebildete Kinder werden in den nachfolgenden Jahren geboren, von denen weniger als 3000 Überleben.

Die Frage nach der Ursache dieser erschreckenden Epidemie von Mißbildungen beschäftigt betroffene Eltern und Wissenschaftler. Doch erst nach vier Jahren, im November 1961, wird Contergan aufgrund massiven Drucks von Presse und Öffentlichkeit vom Markt genommen. Zu spät!

Und es sollten weitere zehn Jahre harter Kampf um die Entschädigung der Kinder folgen. Rechtliche Schritte sind erforderlich. Die Eltern schließen sich in Interessenvertretungen zusammen. 1963 wird der Bundesverband gegründet, als Dach der regionalen Zusammenschlüsse. In den Jahren 1967-1970 findet ein Mammutprozeß um die Entschädigung der Betroffenen statt, der im Dezember 1970 von der Staatsanwaltschaft eingestellt wird.

Sehr gern verweisen wir an dieser Stelle auf ein Interview mit Dr. Peter Pflichta über den „Prozeßbetrug und politische Hintergründe beim Contergan-Prozeß“

Ein Vergleich zwischen den Eltern und der Schädigerfirma Grünenthal soll die Schadensersatz- ansprüche der Kinder sichern. Auch verpflichtet sich der Staat, sich an den Entschädigungszahlungen zu beteiligen. 1972 wird eine öffentliche Stiftung "Hilfswerk für behinderte Kinder" gegründet, die bis heute an die Betroffenen eine monatliche Rente - je nach Grad der Schädigung - auszahlt.

Genauso wichtig wie die materielle Sicherheit der Kinder ist den Eltern der direkte Erfahrungsaus-tausch und die gegenseitige Unterstützung. Nur so ist es möglich, dem schweren und oft hoffnungslosen Schicksal zu begegnen. Spendenaufrufe und Hilfsfonds ermöglichen die medizinisch-therapeutische Versorgung der Kinder. Die Bewältigung der schulischen und beruflichen Integration ist eine weitere Aufgabe der Eltern. In den folgenden Jahren übernehmen immer mehr Betroffene die Arbeit der Eltern und leiten heute die Verbände selbst.

Die Thalidomidembryopathie

Im Jahre 1960 wurde erstmals über eine auffallend häufige Korrelation zwischen mißgebildeten inneren Organen und mißgebildeten Gliedmaßen bei Neugeborenen berichtet. Die Zusammenhänge zwischen der Einnahme des Medikaments "Contergan" bei Müttern in der Frühschwangerschaft und charakteristischen Mißbildungen bei Neugeborenen wurden I961 nachgewiesen. Die genauen bio-chemischen Zusammenhänge der Schädigung des Embryos durch Contergan sind bis heute nicht geklärt. Die Kinder wurden mit Mißbildungen im Bereich der Arme und Beine geboren, teilweise fehlten ganze Knochen. So kam es zu einem relativ einheitlichen Spektrum von Fehlbildungen an den
Extremitäten in Kombination mit Fehlbildungen an Ohren und inneren Organen. Dabei konnte ein sehr strenger Zusammenhang zwischen dem Zeitpunkt der Thalidomideinnahme und der Art der Mißbildungen festgestellt werden.

Am häufigsten betroffen sind bei 53% aller Geschädigten die Arme, in 25% die Arme und Beine, in 11 % die Ohren, in 5% Arme und Ohren, in 2% nur innere Organe. Die medizinischen Probleme heute beschränken sich meist auf die Behandlung der degenerativen Veränderungen an den mißgebildeten
Gelenken, auf frühzeitigen Verschleiß, sowie Schmerzen und Beschwerden, insbesondere an Schulter, Ellbogen und Hand, sowie an der Wirbelsäule.

Siehe auch: Fehlbildungsplan bei Thalidomid-Einwirkung frei nach Widukind Lenz

Bei einem Großteil der "Contergan-Patienten" ist die Integration fast vollständig gelungen. Dies wurde nur durch eine interdisziplinäre Betreuung durch z.B. Krankengymnastik, Ergotherapie, Sozialarbeit und Ärztinnen/Ärzte möglich. Diese Betreuung wird somit lebenslang erforderlich sein. Es ist ein hoher
personeller und finanzieller Aufwand erforderlich, der durch die dürftige Abfindung nicht gedeckt wird.

Hier verweisen wir auf ein Nachwort der „Föderation Conterganbehinderter in Köln hinzuweisen, dem wir uns weitestgehend anschließen:

http://www.mynetcologne.de/~nc-meyeran4/nachwort.htm